Besuch der Hochschulmesse in Düsseldorf, September, 2019

Berufsorientierung – was möchte ich werden?

Blog | Digitaler Unterricht | E-Learning | Learning in the Corona-Time | Lernen in Corona-Zeiten | Live life, love learning

April 22, 2021

Berufsorientierung am bilingualen Gymnasium

Raus aus der Schule, rein ins Leben

“Freude an der Arbeit lässt das Werk trefflich geraten.” (Aristoteles)

“Die Zukunft positiv gestalten”, so ist einer der drei Pfeiler unserer Mission überschrieben, “das eigene Potenzial entdecken und ausschöpfen” ein zweiter. In der Verbindung dieser beiden kann der obige, vom Internet Aristoteles zugeschriebene Sinnspruch als früher Definitionsversuch des Wortes “Berufung” verstanden werden. Dieser Blogbeitrag knüpft an den Beitrag “Jobs of the future in times of the pandemic” von Frau Dr. Inglis vom letzten September an und beschreibt, wie wir unseren Schüler_innen Orientierung in der heutigen Arbeits- und Studienwelt geben möchten. Dabei machen wir keinen Unterschied zwischen Schüler_innen, die mit dem Abitur eine typische Studienkarriere anstreben, und Schüler_innen, die mit dem Mittleren Schulabschluss oder dem schulischen Teil der Fachhochschulreife andere Wege wie eine Ausbildung beschreiten: Kern der Berufsorientierung ist, allen dabei zu helfen, die verschiedenen Möglichkeiten zu durchdenken, Interessengebiete und persönliche Schwerpunkte zu erkunden und von diesem Grundwissen aus selbstbestimmt ins Leben gehen zu können – was auch die Entdeckung neuer Pfade beinhaltet, falls die Zukunft oder die persönliche Berufung es erfordert.

Ein erster Einblick: Angebote im Kontext des Girls’ / Boys’ Day

Dieser Baustein gehört in der Öffentlichkeit zu den bekanntesten Angeboten zur beruflichen Bildung in der Schule. Auch wir begrüßen es, wenn unsere Schüler_innen der Klassen 7 und 8 eigeninitiativ ein Tagespraktikum organisieren, und stimmen der Durchführung gern zu. Unser Ansatz für den Unterricht liegt jedoch nicht auf “typischer Männerberuf – typischer Frauenberuf”, sondern ist davon unabhängig gefasst: Jede_r kann alles werden, was ihn/sie begeistert, unabhängig von einer “Vorbelastung” in Form von Genderstereotypen. Deswegen nutzen wir in diesem Jahr, in dem Praktikumsplätze generell schwierig zu bekommen sind, die Gelegenheit, in Klasse 8 im Kontext dieses Tages einen ersten Einblick in die Welt der Berufe zu geben und eigene Interessen und Fähigkeiten auszuloten. Die dreistündige Blockveranstaltung legt somit den Grundstein für die weitere Berufsorientierung und stimmt bereits auf die Klasse 9 ein, in der der Suche nach einem Praktikumsplatz einige Vorlaufzeit eingeräumt werden sollte, um die dort gewonnenen Erfahrungen als positiv und motivierend zu verankern.

Das Bewerbungstraining: Wir machen uns gemeinsam auf den Weg

Die heutige Berufswelt bietet eine Vielzahl an ungeahnten Möglichkeiten. Neben gängigen Berufen, die unsere Schüler_innen aus ihrem eigenen Umfeld kennen, gibt es ein stetig wachsendes Repertoire an neuen Berufszweigen oder Start-Ups, die sich unserer dynamischen und digitalisierten Welt anpassen. Da fällt es erstmal schwer, sich überhaupt zurechtzufinden und den eigenen Weg in dieser Flut an Chancen in den Blick zu nehmen. Eins bleibt jedoch gleich: Hat man das passende Jobangebot gefunden, gilt es nun, eine ansprechende und vor allem professionelle Bewerbungsmappe zu erstellen. Der Kernlehrplan im Unterrichtsfach Deutsch sieht dies für die Jahrgangsstufe 9 als einen wesentlichen Teilaspekt der ganzheitlichen Persönlichkeitsbildung und Vorbereitung auf die Zeit nach der Schule. Gemeinsam mit den Lehrer_innen erarbeiten die Schüler_innen den Aufbau und die Inhalte eines Lebenslaufs sowie eines Anschreibens und sie erproben und reflektieren die Handlungssituation “Vorstellungsgespräch”. Theorie und Praxis der Berufsorientierung gehen in dieser Jahrgangsstufe somit Hand in Hand, da hier erstmals Berufserfahrungen in Form des Sozialpraktikums gesammelt werden und die Schüler_innen ihr Unterrichtswissen direkt anwenden können.

Das Praktikum: Wertvolle Erfahrungen sammeln

Erfahrungen außerhalb des Unterrichts sind häufig am wertvollsten und nachhaltigsten, weil die Schüler_innen dann erleben, wofür ihre erlernten Kenntnisse und Fähigkeiten gut sind – wie sie im echten Leben angewendet werden können. Aus diesem Grund messen wir sowohl dem Sozialpraktikum in Klasse 9 als auch dem Betriebspraktikum in der EF einen hohen Stellenwert bei. Denn in erster Linie geht es nicht darum, schon hier einen Weg einzuschlagen und sich stumpf auf diesen festzulegen, sondern auch andere Wege kennenzulernen, den Blick mal schweifen zu lassen oder inne zu halten, Erfahrungen zu sammeln und festzustellen, was einem auf diesem oder jenen Weg gefällt oder eben auch nicht gefällt.

Zu den ganz individuellen beruflichen Erfahrungen, die die Jugendlichen in den zwei Praktikumswochen machen, gesellen sich zudem Kompetenzen wie Verantwortungsbewusstsein, Teamfähigkeit, Toleranz und Integrität, welche unsere Schüler_innen auf ihrem persönlichen Weg zum Erwachsenwerden erwerben. Die Lehrer_innen der Jahrgangsstufen stehen während dieser Zeit nach wie vor als Wegbegleiter_innen an der Seite der Schüler_innen, indem sie diese in ihren Betrieben, wenn möglich, besuchen bzw. telefonisch Kontakt aufnehmen. Nach der Praktikumsphase schulen wir im Unterricht wissenschaftspropädeutisches Schreiben bzw. Präsentationskompetenzen in Form eines Praktikumsberichts oder einer Präsentation.

Wie so ziemlich in allen Bereichen unseres derzeitigen Lebens hatte Corona auch Auswirkungen auf die Praktikumswochen in allen Schulen NRWs und uns von unserem üblichen Weg abgebracht. Es stellte uns vor die Herausforderung, den Jugendlichen auch in dieser Zeit der Distanz die Gelegenheit zu bieten, Berufserfahrungen zu sammeln und Möglichkeiten nach der Schullaufbahn aufzuzeigen. Aus diesem Grund boten wir in diesem Schuljahr zum ersten Mal eine digitale Berufsorientierungswoche in Klasse 9 und EF an. Hier lag der Kerngedanke insbesondere darin, die Schüler_innen aus erster Hand von den Erfahrungen anderer profitieren zu lassen und Menschen einzuladen, die in kurzen Beiträgen ihren beruflichen Werdegang sowie ihr Berufsfeld vorstellten. Sowohl im Austausch mit den Referent_innen als auch mit der anschließenden Recherche und Präsentation selbstgewählter Berufe wurde es den Schüler_innen ermöglicht, zumindest nicht vollständig auf diese Etappe der Berufsorientierung zu verzichten.

Der Weg ins Studium: Wie komme ich an mein Ziel?

In der Qualifikationsphase (Klassen 11 und 12) veranstalten wir, teils in Kooperation mit der ISS, regelmäßig Angebote zur Studienorientierung. So hat unsere Schule in den letzten Jahren an unterschiedlichen Studienberatungsveranstaltungen teilgenommen: Wir waren bei den Hochschultagen in Düsseldorf, den Messen des British Council und “Einstieg” in Köln und haben Events auf unserem Campus zum Studium in den Niederlanden und des European Consortium abgehalten. Auch 1:1-Unterstützung in der Wahl der Universität, dem Bewerbungsprozess oder die Bewerbung zu einer Summer School gehören regelmäßig dazu. Diese Begleitung hilft den Schüler_innen stark dabei, ihre Stärken, Talente und Interessen noch einmal auf persönlicher Ebene (im Unterschied zum Unterricht in der Gruppe) mit einem/r unvoreingenommenen Berater_in zu reflektieren.

“Studying and Working in a Globalized World”: Curriculare Bezüge zur Berufsorientierung

Auch in weiteren Unterrichtsfächern wird auf die berufliche Bildung Bezug genommen und das Thema somit präsent gehalten. So verknüpft seit einigen Jahren in den Grund- und Leistungskursen Englisch das Thema “Studying and Working in a Globalized World” die beiden inhaltlichen Oberthemen “Chancen und Risiken der Globalisierung” und “Lebensentwürfe, Studium, Ausbildung, Beruf international – Englisch als lingua franca” als konkretisierte Vorgabe zu den Kernlehrplänen und erweitert das Spektrum der Berufsorientierung um eine internationale Dimension.

Im Fach Erdkunde stellen wir Bezüge beispielsweise im Kontext von Bevölkerungsentwicklung und Migration her: Sind Einwanderung oder Anwerbung für Länder, die von demographischer Alterung betroffen sind, ein Lösungsansatz gegen Fachkräftemangel und Pflegenotstand – und was bedeutet das für die Herkunftsländer? Auch im Bereich Tourismus gibt es in den letzten Jahren verstärkt Angebote zur “Entwicklungshilfe im Ausland” im Rahmen eines Freiwilligendienstes. Aber wer profitiert eigentlich davon: der “Entwicklungshelfer”, weil er seine Biographie aufwertet? Die Menschen vor Ort? “Reise”agenturen, die solchen Angeboten Raum schaffen?

“Manchmal zeigt sich der Weg erst, wenn man anfängt, ihn zu gehen.” (Paulo Coehlo)

Im Gesamtblick glauben wir, mit diesen Bausteinen einiges zur Orientierung in der Berufswelt beitragen zu können. Uns als Lehrenden und Berater_innen gibt es sehr viel zurück zu sehen, dass die Arbeit sich auszahlt und unsere Alumni Studienangebote von Top-Universitäten auch im Ausland bekommen. So schauen wir dieser Tage, wenn die Abiturprüfungen gleichsam wie die Zielgerade auf dem Weg ins Leben vor ihnen liegen, auch aus diesem Blickwinkel auf unsere Abiturienten. Wir drücken ihnen die Daumen und hoffen, dass sie mit Kenntnisreichtum, Fähigkeit und Selbstbewusstsein dort die Türen weit aufstoßen können.

Sarah Hannebauer, Mittelstufenkoordination
Dr. Alexandra Inglis, Studienberatung und Stellvertretung Schulkultur in der Erweiterten Schulleitung
Fabian Prolingheuer, Aufgabenbereich Schulkultur in der Erweiterten Schulleitung